Wer bewegt wen?

06.01.2020

Ich gehe mit meinen drei Hunden spazieren. Mir entgegen kommt eine Frau mit einem jungen Australian Shepherdrüden. Ich habe sie schon oft gesehen und bin ihr auch schon oft begegnet. Der Rüde ist gerade mal 8 Monate alt, zieht an seiner Flexileine wie ein armer Irrer, reagiert kaum auf Frauchens Ansprache, ist sehr aufgeregt und bellt und macht ein riesen Theater, wenn er uns sieht.
Jedes Mal fragt mich sein Frauchen: "Dürfen die mal spielen?"
Jedes Mal erkläre ich Frauchen, dass meine Hunde mit ihrem nicht spielen würden und kein Spiel entsteht, wenn ihr Hund in diesem Erregungsniveau ist.
Ihre Antwort ist auch jedes Mal die Gleiche: "Der ist aber ganz lieb. Der ist nur erst so aufgeregt. Wenn er dann spielen darf, dann regt er sich ab."

Ja, ich könnte auch über das Thema "Spiel unter Hunden" oder "Energieniveau" sprechen. Aber heute nicht. Heute möchte ich ein anderes Thema anschneiden.

Was wollen Hunde? Wen suchen sie? Wen oder was brauchen sie?

Hunde leben, wenn man ihnen die Wahl läßt und sie die Möglichkeit haben, in Gruppen.
Hunde sind auf der Suche nach einer Persönlichkeit, an der sie sich orientieren können, die verlässlich ist, die klar kommuniziert, was ok ist und was nicht ok ist. Sie suchen nach jemanden, der sie erkennt in ihrem Charakter und entsprechend agiert. Ihr müsst also wissen, wie Euer Hund tickt und wer Ihr selbst seid.

Was ist also bei der Dame mit dem Aussi los? Wer beansprucht bei den beiden Raum? Wer bewegt wen? Der Aussi beansprucht Raum. Er rennt, unkontrolliert an seiner Flexileine um sein Frauchen herum. Während er das tut, dreht sie sich, damit sie sich nicht vertüddeln. Der Aussi bestimmt in welchem Tempo gegangen wird, wo stehen geblieben wird, weil er schnüffeln möchte. Möchte er weiter, zieht er auch schon mal zackig an und Frauchen fliegt ein Stück hinterher. Während dessen wird seitens Frauchen mit dem Hund relativ aufgeregt kommuniziert. "Nicht so schnell.", "Zieh doch nicht so!", "Bei Fuss!", "Nein, jetzt komm mal weiter." und so weiter und sofort. Idee der Halterin: "Er braucht ja Freiheit!" Das der Hund gleichzeitig ihre Freiheit einschränkt, nimmt sie schon lange nicht mehr wahr.
Während wir uns unterhalten, kann der Hund keine 3 Sekunden still sitzen. Naja... der is ja auch erst 8 Monate - so O-Ton Hundehalterin. Ich denke: "Hm... all meine Hunde konnten schon mit weniger als 16 Wochen so lange sitzen, wie ich es wollte, wenigstens, wenn ich in ihrer unmittelbaren Nähe war." Aber das sage ich natürlich nicht. Ich will ja keinen auf "Klugscheißer" machen. Ausnahmsweise!

So, was könnte besagte Dame nun anders machen, was wäre wichtig? Ihr Hund müsste sie wahrnehmen. Das ist aber nichts, was wir einfach so geschenkt bekommen. Wir müssen das schon auch wollen, durchsetzen und kommunizieren können.

Dafür wäre es erstmal sinnvoll, wenn eine normale Leine am Hund wäre. 1,5 - 2m reichen völlig.
Man könnte problemlos erstmal an einem Ort üben. Dafür muss man nicht gehen. Ich üben mit meinem Hund, dass er mir ein oder zwei Schritte hinterher kommt, wenn ich weggehe und stoppe ihn dann, gerne auch körpersprachlich. Aber ein Warte ist auch ok. Reagiert er prima! Reagiert er nicht, habe ich vielleicht ein unstimmiges Energieniveau. Also ggf. nochmal! Ausprobieren ist erlaubt. Das mache ich erstmal einen Moment an Ort und Stelle.
Dann gehen wir los, an kurzer Leine.
Ich bestimme, auf welcher Seite mein Hund geht - ich bestimme also den Ort, an dem er sich aufhalten darf.
Ich bestimme, in welchem Tempo wir gehen und wie lange - ich bestimme über Zeit und Raum. In diesem Augenblick darf der Hund nun mal nicht schnüffeln und SEIN DING machen. SEIN DING ist jetzt, dass er MICH im Auge behält.
Auch hier kann ich immer mal wieder stoppen und den Hund zum stoppen bringen. Ich kann mich in eine andere Richtung bewegen und schauen, ob der Hund mir folgt. Am besten schaue ich den Hund, nicht direkt an, denn das heißt eher "geh weg" statt "komm mit".
Es ist erstmal nicht wichtig, ob auf den kleinen Strecken, die Leine vielleicht gespannt ist. Aber ich verhindere, dass der Hund mich überholt, eben, indem ich ihn stoppe, wenn er es versucht. Denn wer vorne geht, führt. Ich kann den Hund wegschicken, einladen zum ran kommen und vieles mehr, um mich in seinen Kopf zu bringen, um klar zu machen, wer wen bewegt, um klar zu machen, wer bestimmt, wie lange wir das machen.

Wichtig ist selbst locker und entspannt zu bleiben. Das könnte die Dame auf dem Spaziergang immer mal wieder einfließen lassen.

Warum das Ganze? Was bringt mir das? Was bringt das dem Hund?

Dieser Aussie, an seiner Flexileine war/ ist einfach orientierungslos. Bin ich orientierungslos, hab ich Stress! Bin ich orientierungslos, weiß ich logischerweise nicht, wo ich hin gehöre. Bin ich orientierungslos, komme ich nicht zur Ruhe. Und was noch? Ich muss Außenreize bewerten. Bewerte ich diese Außenreize, muss ich vielleicht reagieren, eine Entscheidung treffen, wie ich mit diesen Außenreizen umgehen will und nicht immer erfreut den Halter diese Entscheidung, weil der Hund sie natürlich nicht immer in seinem Sinne trifft.
Und genau diese Entscheidung will ich dem Hund ja abnehmen. Er soll keine Entscheidungen treffen, deren "Auswüchse" er gar nicht abschätzen kann, mit denen er im weiteren Verlauf nicht umgehen kann.

Wäre ein Hund mit einem solchen Energieniveau noch zu Zeiten meines alten Rudels mit einem Harzer Fuchs und einer weiteren Hütehündin in uns reingescheppert, weil er eben diese Entscheidung  getroffen hätte, dann hätten meine Hunde sehr deutlich versucht ihn runter zu regeln. Da Hunde in diesem Energieniveau selten bis nie innere Ruhe verspüren, neigen sie zu Hysterie und überschießendem Verhalten. Das hätte eine "schöne" Keilerei gegeben.

Und "zack" schon heißt es: Ihre Hunde sind aber aggressiv. Dabei waren es nur Ausläufer einer unnötigen Energie!

Und übrigens erklärt dieses "orientierungslos an Flexileine-Phänomen" auch, warum so unglaublich viele kleine Hund so unglaublich "unerzogen" wirken. Weil sie genau dieses Schicksal haben!

Die sind ja nicht doof, sie wissen, dass sie klein sind und sie wissen, dass ihnen viele andere Hunde körperlich überlegen sind. Und der Halter vermittelt, mit der Flexileine in der Hand "Du bist zuständig!", "Du musst für Schutz und Sicherheit sorgen!" Könnt Ihr Euch vorstellen, wie überfordert viele kleine Hunde sind?

Was wollen wir? Wir wollen insgesamt, dass es unseren Hunden grundlegend besser geht. Dass sie sich entspannen können! Dafür muss ich führen wollen, ich muss einen Plan haben, ich sollte meistens souverän sein, ich sollte über den Raum bestimmen, ich sollte über Zeit bestimmen. Immer mal wieder, besonders am Anfang häufiger!

Lasst Eure Hunde nicht kreuz und quer laufen, lasst sie nicht ständig überall schnüffeln, besonders, wenn sie an der kurzen Leine sind. Ihr vermittelt, dass sie entscheiden. Dass sie über Zeit und Raum bestimmen, dass sie Entscheidungen treffen. Und dann kommt der Erzfeind und dann sagt ihr: "Jetzt entscheide ich!" und Euer Hund so: "Wieso? Die anderen 100 Mal hast du auch nicht entschieden und jetzt, wo es mir aber wichtig ist, mich zu produzieren, da willst du entscheiden? Im Leben nicht!"

Wer ständig über Raum bestimmt, wer ständig über Zeit bestimmt, wer ständig sein gegenüber bewegt, wird dies auch in Situationen einfordern oder tun wollen, die Euch nicht erfreuen. Und in diesen Situationen mit dem Training anzufangen ist nicht nur unrealistisch, sondern auch unfair und zum Scheitern verurteilt.
Was für Euch toll wirkt "mein Hund hat viele Freiheiten", bedeutet für Euren Hund Stress. Je mehr Stress, umso nervöser wird Euer Hund. Je nervöser Euer Hund, desto häufiger bellt er z. b., desto eher gerät er in Streitigkeiten mit anderen Hunden, desto schlechter ist er für Euch ansprechbar. Freiheit ist mit vielen Aufgaben verbunden!

Ein König halt alle Freiheiten zu tun, was er will. Aber er hat auch viel Verantwortung für alles Mögliche. König zu sein ist ein sehr stressiger Job. Eine Firma zu leiten ist viel stressiger, als einen 8 Stunden Job zu haben, danach nach Hause zu gehen und frei zu haben, glaubt Ihr nicht auch?
95% aller Hund wollen kein König sein - na gut, vielleicht König Eurer Herzen -, sie wollen keine Firma leiten, sie wollen Ruhe, Harmonie und jemanden, der ihnen sagt, was als nächstes kommt. Natürlich dürft Ihr sie in Eure Entscheidungen mit einbeziehen und wenn diese zum Wohle der Gruppe sind, dann könnt Ihr auch "ja" sagen. Das setzt aber voraus, dass Euer Hund fragt und nicht einfach über Euch wegschrabbelt. Tut er das, liegt das jedoch weniger an ihm, als vielmehr an Eurem Führungsstil. Denkt mal drüber nach!