Das Sozialisierungsdilemma

13.03.2024

Wenn man so durch Facebook oder Instagram scrollt, dann hört oder ließt man, was Sozialisierung angeblich alles ist oder besonders auch nicht ist.

Dabei ist es eigentlich ganz leicht, denn es gibt bereits eine Definition für diesen Begriff, der seit Jahrzehnten feststeht. Niemand müsste sich um eine Neue bemühen. Oder vielleicht doch?

Lt. wissenschaftlicher Definition bedeutet Sozialisierung, wenn ein Lebewesen in die belebte Umwelt "eingeführt" wird, sie also kennenlernt. Das bedeutet sowohl den eigenen Haushalt, aber auch an möglichst viel "Lebendes" außerhalb des eigenen Haushaltes.

Und spätestens ab hier scheiden sie alle möglichen Geister. Ab hier wird es tricky!

Denn da gibt es zum Einen die Fraktion: "Ich lasse meinen Welpen zu allem und jedem hin zum HALLO sagen, weil der ja neugierig ist, das auch will und der ja mit allem sozialisiert werden muss." und zum Anderen gibt es die Fraktion: "Hunde brauchen keine fremden Hunde und schon gar nicht, um sozialisiert zu werden und schon gar nicht so."

Aber was ist denn nun Richtig? Gibt es einen Mittelweg? Sagen wir mal "Jein"! Und es ist diesmal gar nicht so einfach einen guten Anfang zu finden. Also wird das hier wohl ein längerer Text. Ich hoffe, Du hast ein wenig Zeit!?

Es heißt ja immer, wenn man den Hund verstehen will, dann muss man sich den Wolf anschauen oder z.B. verwilderte Haushunde:
Wolfswelpen kommen in ihrem Rudel zur Welt. Dieses Rudel besteht aus Mama, Papa und vielleicht einigen Geschwistern aus dem Vorjahr, die als Babysitter noch da sind. Die Welpen werden innerhalb ihrer sozialen Gruppen in die Regeln, Strukturen und Gefüge nach und nach integriert. Das geht nicht von heute auf morgen, muss es auch nicht. Die Welpen haben Zeit zu lernen. Aber grundsätzlich kann man festhalten, dass auch Wolfswelpen ca. bis zur 13. Lebenswoche sehr aufnahmefähig sind und Kenntnisse und Erfahrungen, die für das Zusammenleben wichtig sind, leichter sammeln können.
Bei einer verwilderten Haushundegruppe würde das ganz ähnlich aussehen.
Weder Mama Wolf noch Papa Hund wird seine Sprößlinge an die Pfote nehmen, die Territoriumsgrenze übertreten, ein fremdes Rudel suchen und die lieben kleinen dann bei maximaler Erregung eine Stunde lang miteinander toben lassen, damit die auch schön sozialisiert sind.
An dieser Stelle gibt es mal einen kleinen Hinweis. Ich mag ein wenig Polemik, Ironie und auch den ein oder anderen provokanten Satz, damit man sich Dinge besser vorstellen kann. Wer das nicht mag, wird meinen Blog nicht mögen. Aber das Gute an diesem Blog ist, man muss ihn nicht lesen!

Soweit so gut! Unsere westlichen Hunde sind aber weder Wölfe noch verwilderte Haushunde. Das nächste Rudel wohnt nicht meilenwert entfernt, sondern im Zweifelsfall hinter dem nächsten Gartenzaun. Auf jedem Spaziergang trifft man Menschen und Hunde. Passt also diese Sicht der Sozialisierung nun noch? Die Sicht auf: "Triff mit deinem Hund keine fremden Hunde. Lass sie nicht spielen. Lass sie keinen Kontakt haben."
Kann sie doch nicht! Es ist so einfach nicht möglich. Unsere Hunde müssen lernen, dass es andere Hunde gibt und jetzt kommt der wichtigste Satz in diesem Text:
WIE SIE SICH IHNEN GEGENÜBER ZU BENEHMEN HABEN!!!!
Und dabei kann man sie sich nicht selbst überlassen!!!

Gleich höre ich alle "lass deinen Hund nicht zu fremden Hunden hinlaufen-Kollegen" laut BUHHH schreien, denn man kann ja viele Meinungen haben, aber Fakt ist, dass Sozialkontakte für ein soziales Lebewesen wichtig sind und dass es für Hunde wichtig ist, spielen zu dürfen.
Und alle "ich lass meinen Hund überall hin, damit er spielen kann, weil er ja so neugierig ist-Personen" so "YEAH STRIKE!"
Ne, nix Strike!! Luft anhalten, abwarten!!!

Ich hole meinen süßen kleinen Welpen (sagen wir mal einen Labrador) mit 9 Wochen vom Züchter. Er ist aufgeschlossen und neugierig und erkundet gerne die Welt. Es ist wichtig, dass der sieht, dass es nicht nur Labradore gibt, sondern auch andere Hundetypen und weil ichs ja so gut meine, lasse ich meinen aufgeregt an der Leine hoppelnden Labrador zu allen Hunden hin, wo es möglich ist. Ich bin sogar nett und frage und oft darf mein Labbi da hin und spielt (oder was auch immer) da mit den anderen Hunden, während ich gemütlich mit den anderen Haltern eine Runde quatsche.
Was passiert in der Zwischenzeit mit meinem kleinen, süßen Labbi??
Er lernt!!! Spiel ist eine tolle Plattform für`s Lernen, da sie mit optimalen Erregungszuständen einher geht und alle möglichen Hormone ausschüttet. Euer Labbi lernt, dass er mit anderen Hunden maximal viel Spaß haben kann, während ich als Mensch langweilig an der Seite rumstehe. Also andere Hund = Party, Mensch = öde! Im Kopf des kleinen Labbis übrigens mit übergroßen Buchstaben und fett geschrieben, weil die Hormone das alles schön fest im Kopf des Hundes verankern. Bei einem Labrador reicht vielleicht schon ein solches Erlebnis für eine maximale Abspeicherung im Gedächtnis. Denn hier kommt die Genetik ins Spiel. Der Labbi ist darauf gezüchtet worden, mit anderen Hunden sogar dann gut klar zu kommen, wenn Beute im Spiel ist, weil die Art und Weise, wie der Labrador ursprünglich für die Jagd eingesetzt worden ist, war so, dass immer mehrere Hunde mit ihren unterschiedlichen Besitzern unterwegs waren. Man brauchte keine Hunde, die sich gegenseitig an die Gurgel gehen. Sie sollten nett miteinander sein. Solche Hunde, dazu gehören z.B. auch viele Meutehunde wie z.B. der Beagle, haben eine genetische Disposition dafür, andere Hunde richtig gut zu finden und gerne auch dem Menschen gegenüber zu favorisieren. Das heißt nicht, dass die sich nicht eng an ihre Menschen binden, das heißt nur, dass es mehr Arbeit ist und auch mehr Arbeit ist, einen Labbi davon zu überzeugen, dass andere Hunde nicht wichtiger sind als man selbst. Läßt man den kleinen Labbi nun also noch ständig mit anderen Hunden spielen und dabei große Lust empfinden, während man selbst überhaupt nicht drüber nachdenkt, dass es gut wäre, sich in dieses Spiel einbringen zu können, dann passiert und gefähr das, was 95% aller Labradorhaltern passiert: 6 Monate später, 20 - 25kg mehr und der Hund will zu jedem Hund hin und setzt alles ein, was er zur Verfügung hat in einem oft sehr hohen Erregungsniveau.
Übrigens passiert einem das mit sehr, sehr vielen Hunden, wenn man das so macht wie beschrieben. Allerdings ist das Endergebnis oft ein Anderes. Während die meisten Labbis zu anderen Hunden hinwollen, um sie zu bespaßen, nicht selten auch um sie zwangszubespaßen, schubst die Genetik bei anderen Hunden das an, wozu sie gezüchtet worden sind und das beinhaltet oft, dass man fremde Hunde nicht in der eigenen Gruppe haben will.
Bei dem einen oder anderen dürfte es jetzt klingeln, wenn er einen Hund an der Leine hat, der andere Hunde anpöbelt. Und ja, 85 - 90% aller Leinenpöbler "produziert" man sich mit diesen unkontrollierten Spielsituationen als Welpe. Und zwar weil man entweder a. wie oben beschrieben, den kleinen, süßen, neugierigen Knirps der an der Leine hüpft und spingt und so drollig zum anderen Hund hinzieht seinen Willen läßt, weil er das ja braucht oder b. weil man vielleicht schon wirklich ziemlich gut ist und den Hund genau dann eben NICHT dahin läßt, aber die Stimmung in die sich der Hund da versetzt ohne Rückmeldung laufen läßt.
Das heißt so oder so, schaut nochmal den wichtigsten Satz weiter oben an: Man hat leider eben dem Hund NICHT erklärt, wie man möchte, dass er sich benimmt, wenn man auf andere Hunde trifft.
So, jetzt schreit die "keinen-Kontakt-zu-fremden-Hunden-Fraktion" wieder "YEAH!" und die andere zeigt mir den Stinkefinger, oder?
Alle wünschen sich ja immer sowas wie ein Patentrezept, Trainingstipps und -tricks und wisst ihr was?? Jetzt gibt es eines:
1. Lass deinen Hund NIEMALS zu anderen Hunden, wenn er aufgeregt und hibbelig ist, besonders wenn er jünger ist als 16. Wochen.
2. Wenn dein Hund mit anderen Hunden spielt, ganz besonders wenn er noch jung ist, lass das, auch wenn es noch so niedlich ist a. nie länger als 5 - 10 Minuten am Stück laufen, weil das Nervenkostüm deines Hundes das noch nicht gut verarbeiten kann und nur unter "maximaler Spaß und maximale Erregung" abspeichert. Nichts davon ist später für dich hilfreich.
3. Achte darauf, dass dein Hund im Spiel mit anderen Hunden, besonders wenn er jung ist, von Anfang an und step bei step lernt, dich nicht aus dem Kopf zu verlieren.
Wie kannst du konkret vorgehen?
1. Überlege dir immer was du für später willst? Willst du einen Hund, der auch dann noch auf dich reagiert, wenn er mal mit einem anderen im Spiel ist? Willst du einen Hund, der jedesmal, wenn er andere Hunde sieht, zu denen er mal nicht darf, total durchdreht? Dann ist es wichtig, dass du entsprechendes Verhalten nicht förderst, weil du deinen Hund genau in dieser Stimmung immer wieder zu anderen Hunden läßt. Wie oft er das darf? GAR NICHT!! Solange er aufgeregt ist, kann er nix lernen außer Schwachsinn. Warum das so ist, kann ich Dir gerne in einem Ersttermin erklären.
2. Wenn du auf andere Hunde triffst und dein Hund ist aufgeregt und hibbelig. Achte zum einen darauf, dass der andere Hund nicht genauso aufgeregt ist. Ist er es doch, geht z.B. wenn ihr unbedingt Zeit miteinander verbringen wollt, an der Leine miteinander spazieren, ohne dass die Hunde Kontakt zueinander haben dürfen. Lasst sie nicht laufen, solange sie hibbelig sind. Überlege dir immer, was dein Hund vom anderen Hund lernt. Und ganz ehrlich, treffen zwei Chaoten aufeinander, was sollen die wohl von einander lernen, außer sich noch chaotischer zu benehmen!?
Ist das ein souveräner cooler Hund, dann geht ihr erst solange mit den Hunden spazieren, bis dein Hund ruhiger wird. Dann könnt ihr sie durchaus von der Leine machen. Ein souveräner cooler Hund, wird deinem Hund helfen, sich selbst zu regulieren.
3. Wenn du deinen Hund kurz mit einem anderen Hund spielen läßt, weil er in einer guten, ausgeglichen Stimmung war, dann sorge dafür, dass du jederzeit eingreifen kannst. Entweder weil ihr auf einem eingezäunten Areal seid oder weil dein Hund an einer langen Leine ist. Du greifst ein, wenn er sich zu sehr aufspult, wenn er Hilfe braucht, wenn der andere Hilfe braucht oder auch einfach nur mal so, damit dein Hund lernt, dass du auch noch da bist und vor allen Dinge für Dich, damit du lernst, wie du deinen Hund stoppen kannst, wenn du das willst. Wenn du dabei Unterstützung brauchst, dann melde dich.


Was wenn du jetzt denkst: "Mist!! Das habe ich schon total anders/ falsch gemacht." Dann kannst du diesen Gedanken eigentlich nur aus einem Grund haben, weil dein Hund irgendwelche Verhaltensweisen zeigt, die im Alltag störend sind und genau daraus resultieren.
Was könnte das sein?
* Dein Hund ist beim Gassi gehen, auch wenn er keine Hunde sieht, total aufgeregt.
* Wenn ihr auf Hunde trefft, ist HalliGalli bei deinem Hund angesagt. Entweder weil er hin will, um Spaß zu haben oder, weil er sie mittlerweile doof findet (mir ist hier ganz wichtig zu sagen, dass das bei vielen Hunden eine genetische Geschichte ist und NICHTS mit guter - oder schlechter - Sozialisierung zu tun hat).
* Wenn dein Hund mit anderen Hunden im Spiel ist, bist du quasi abgeschrieben. Er hört und sieht nix mehr.
* Wenn er andere Hunde sieht und du ihn nicht rechtzeitig anleinst, dann ist er weg und hört auch nicht mehr.
Und sicher gibt es noch einige andere Möglichkeiten für unerwünschtes Verhalten, welches im Alltag einfach stört.
Ich möchte hier gerne einmal los werden, dass 80% meiner Kunden zu mir kommen, weil ihre Hunde sind an der Leine nicht wie gewünscht verhalten. Du befindest dich also in guter Gesellschaft. Wirklich!!
Was ich auch gerne loswerden möchte ist, dass so gut wie kein Hund an der Leine aus ANGST pöbelt. Ich renne ja auch nicht schreiend auf eine Spinne zu (vor der ich nämlich Angst habe), sondern von ihr weg. Und solange ein Ausweichen und Wegkommen möglich ist, wird ein Hund der Angst hat das heimlich, still und leise tun und nicht auch noch auf sich aufmerksam machen. Eigentlich logisch, oder?
Auch sowas wie: "Der macht das, weil er die Hundesprache nicht spricht!" oder ähnliches höre ich immer wieder und ist in aller Regel leider Unsinn. Besonders schön, wenn das ein Hundetrainer sagt und das obwohl der Hund sich mit vielen Hunden versteht nur mit einigen nicht. Sprechen die anderen wohl einen Dialekt, den er nicht kann? Sorry, aber der musste sein!
Also es gibt natürlich Gründe und es gibt auch vielfältige Gründe und hier geht es ja um das Thema Sozialisierung. Und es gibt viele unterschiedliche Möglichkeiten, wie man das in den Griff bekommt, je nachdem, was da so für Gefühle mitspielen, wer welche Rolle bedient, wer was schon kann etc. etc.
Aber, das kann ich wirklich nur im Einzelunterricht mit euch zusammen lösen. Mir ist wichtig zu sagen, dass es jetzt kein unmöglicher Wunsch ist, dass der eigene Hund lernt, ruhig an anderen Hunden vorbei zu gehen. Wirklich nicht! Aber, wenn der Ursprung im Welpenalter liegt, dann ist der Weg, den ihr nun gemeinsam gehen müsst, sicherlich kein Leichter und auch kein Kurzer, aber ein Möglicher!
Lasst uns also nochmal darauf zurück kommen, was Sozialisierung ist oder auch nicht!
Sozialisierung hat also nichts damit zu tun, dass der Hund jeden Hund im Umkreis von 25km persönlich kennenlernen muss und zwar im Spiel!
Ich meine, du kannst dich doch auch vernünftig benehmen - hoffe ich - ohne dass du jedem Menschen die Hand schütteln musstest. Und vermutlich hast du gutes Benehmen auch erstmal im näheren Familien-, Verwandten- und Freundeskreis gelernt, bevor es dann z.B. in die Schule ging.
Dein Hund lernt gutes Benehmen auch schon von seiner Mama und seinen Geschwistern, dann muss er erstmal lernen, wie er sich mit und bei dir richtig verhält und wie eure gemeinsamen Regeln aussehen, wenn er die verstanden hat, dann kannst du ihm ein paar Hunde aussuchen, von denen er gute Dinge lernt und dann darf da auch mal ein gleichaltriger Kumpel bei sein, mit dem er auch mal spacken darf, aber BESONDERS da stehst du immer in der Nähe und greifst ein wenn das Spacken zu doll wird oder eben auch einfach nur mal so, um zu üben, wie du dich in solche Situationen ins Spiel bringen kannst. Und Letzteres sollte die Ausnahme sein! Wirklich! Beide Spackolis haben für die Zukunft deutlich mehr davon, wenn ihr sie jetzt nicht wie blöde die ganze Zeit miteinander toben lasst. Das können sie später, wenn ihr sie gut einschätzen und bei Bedarf kontrollieren könnt immernoch. Ehrlich! Da geht euch nichts verloren.
Denkt dran, immer vom Kleinen ins Große! Wenn sich dein Hund in deinem Nahfeld nicht kontrollieren kann, wenn er andere Hunde sieht, dann kann er es erst recht nicht, wenn er weiter von dir entfernt ist!
Dein Hund kommt im Prinzip auch schon sozialisiert von der Mama, er muss jetzt nur lernen, dass es Hunde gibt, die anders aussehen, als er und seine Mama. Und wenn er dann mal eine kleine Spielsequenz kriegt, ist das auch völlig ok. Und doch, es ist in der Regel Spiel auch wenn man überall ließt was angeblich alles kein Spiel ist. Aber dazu schreibe ich vielleicht nochmal wann anders was. Sonst kann ich bald ein Buch vermarkten!
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